Rezension: Claudie Gallay – Ein Winter in Venedig

Ich weiß gar nicht mehr, wie ich an dieses Buch kam. Plötzlich stand es in meinem Bücherregal und es kann sein, dass es mir nicht einmal gehört. Vielleicht hatte ich es zum Geburtstag bekommen oder mal ausgeliehen. Ich weiß es nicht mehr. Erst neulich jedenfalls bekam ich es in die Hand, als ich meine Bücher neu sortierte. Und ich wunderte mich darüber. Dann las ich mir den Klappentext durch und war angetan. War ich doch selbst vor nicht allzu langer Zeit in Venedig und hab mich von dieser Stadt verzaubern lassen. Die Handlung klang vielversprechend. Also begab ich mich auf meine zweite Reise in die „Serenissima“ und wie ich diese Reise erlebte, will ich hier berichten.

Worum ging es bei dieser Reise?

Claudie Gallays „Ein Winter in Venedig“ erzählt von einer Frau, die Hals über Kopf nach Venedig flüchtet, nachdem sie von ihrem Liebhaber verlassen wird. Es ist mitten im Winter, eine Zeit, in der die Stadt wie ein Geist erscheint. Gesellschaft findet die Frau nur in den anderen Gästen ihrer Pension und einem mysteriösen Buchhändler. Doch je mehr sie sich auf die Stadt und ihre Begleiter einlässt, desto mehr findet sie wieder ins Leben zurück.

Was war das Transportmittel?

Claudie Gallay schreibt ihre Erzählung in sehr kurz und knapp gehaltenen Sätzen. Die Sprache ist dabei einfach. Es fällt einem nicht schwer, den Inhalt zu verstehen, selbst wenn der Kopf voll ist und nach einem anstrengenden Tag raucht. Die Kapitel sind recht kurz, manchmal eine halbe, manchmal sechs Seiten lang. So fällt es nicht schwer, zu sagen: „Ein Kapitel les ich noch.“

Die Erzählung wird in der Ich-Perspektive geschildert. Teilweise wird der Leser direkt angesprochen und so zu einem Teil der Geschichte. Leider funktioniert das für mich nicht. Der Leser wird damit zu einer Figur gemacht, ihm werden Eigenschaften aufgezwungen, wogegen ich mich beim Lesen sträubte. Ich weiß nicht, ob das an der deutschen Übersetzung liegt (die Originalsprache ist Französisch), aber so empfand ich es als störend.

Was habe ich gesehen?

Als Leser folgen wir der Protagonistin durch das winterliche Venedig. Dies ist sehr anschaulich erzählt. Man hat das Gefühl, dort zu sein. Wer schon einmal in der Stadt war, kann diesen Rundgang mit dazu passenden Bildern in seinem Kopf vervollständigen. Für jemanden, der Venedig so das erste Mal bereist, ist das wohl weniger interessant. Für mich war es ein nostalgisch-schönes Erinnern an meine Zeit und meine Eindrücke dort.

Der Grund der Reise ist eine Trennung. Allerdings halte ich diesen Grund für austauschbar. Er wirkt nicht tief genug, die Erinnerungen der Protagonistin wirken zu konstruiert und prägen sie nicht nachhaltig genug, sodass ich das Trauern um den Ex sogar etwas nervig fand.

Was sehr schön gelungen ist, sind die Begegnungen mit den anderen Figuren. Der Leser lernt die individuellen Charaktere mit der Protagonistin kennen. Dies geschieht in angemessenem Tempo und auf logische Art und Weise. Es ist kein zu viel und kaum ein zu wenig. Lediglich die Begegnung mit dem Buchhändler wäre wünschenswert gewesen, auszubauen.

Apropos Buchhändler: Es gibt auch einige Bücher, die vordergründig eine Rolle spielen. Leider erhält der Leser hier keinen tieferen Einblick bzw. spielen die Bücher dann doch keine große Rolle. Es wäre spannend zu erfahren, welche Wirkung sie wirklich bei der Protagonistin entfalten.

Wer waren die Mitreisenden?

Natürlich ist da zuerst die namenlose Protagonistin zu nennen. Sie führt den Leser durch diese, ihre Geschichte und ihre Entwicklung. Dass eine Entwicklung stattfindet, ist nicht zu leugnen. Vor allem die Beziehung zum russischen Fürsten macht dies offenbar. Leider ist diese Entwicklung und zunehmend die ganze Figur etwas blass. Der Leser erfährt dafür zu wenig von ihrem Leben vor der Reise. Denn als die Handlung einsetzt, hat die erste Entscheidung zur Veränderung bereits stattgefunden. Nur im Nachhinein erzählt sie in knapper Form von ihrem früheren Ich. Sie geht auch sonst nicht sonderlich ins Detail, sodass der Leser eine nachhaltige Veränderung nachvollziehen könnte. Dennoch kommt man nicht umhin, zu bemerken, dass sie zum Ende hin eine Entwicklung durch hat und dem Leben gegenüber wieder aufgeschlossen ist.

Die nächste Figur ist der russische Fürst Wladimir Pofkowitschin, ein weiterer Gast in der Pension. Er ist ein Mann, der seine Prinzipien hat und auf deren Einhaltung besteht, ansonsten tödlich beleidigt ist. Er ist ein sehr eigenwilliger Charakter, der gute Zitate liefert. Seine Hintergrundgeschichte wirkt etwas zu konstruiert und etwas klischeehaft. Dass er mit verschiedenen Persönlichkeiten bekannt ist, die eine Rolle spielen, ist ein etwas zu großer Zufall. Allerdings ist die Freundschaft zwischen Protagonistin und Fürst sehr authentisch. Sie erlebt einige Höhen und Tiefen, entlässt den Leser aber mit einem positiven Gefühl aus der Geschichte.

Ein letzter Charakter, der hier noch erwähnt sein will, ist der Buchhändler. Er hat sehr großes Potenzial, was allerdings leider nicht genutzt wird. Diese Figur ist es, die durch die Protagonistin mit „Sie“ angesprochen wird und somit den Leser an die Geschichte bindet. Leider funktioniert dies nicht und macht den Charakter damit zu blass, da sich dieser Widerspruch ständig aufdrückt. Obwohl ich das Ende der Begegnung zwischen Protagonistin und Buchhändler gut und passend fand, hätte ich den beiden etwas mehr Raum im Buch gegönnt.

Fazit

Der Roman unterhält. Er eignet sich gut zum Entspannen, um mit dem Kopf zu reisen. Die Figuren sind nicht unsympathisch und für den Kopf nicht anstrengend. Der Roman will allerdings mehr sein, als er ist. Die gewollte Tiefe kann er nicht erreichen.

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