Buchverfilmung = schlecht?

Es ist eine sehr einfache Methode, einen Film zu machen: man nehme ein Buch und verpacke das Ganze in bewegte Bilder. Während sich das Produktionsteam in die Hände klatscht, weil sich keine Story ausgedacht werden muss und obendrein das Marketing durch die schon vorhandene Fanbase einfacher wird, scheiden sich in der Buchgemeinde die Geister. Schon wieder eine Verfilmung? Kann das gut gehen? Das Buch ist doch sowieso immer besser als sein Film oder nicht? Andererseits war die Story klasse und man kann es kaum erwarten, seine Lieblingsfiguren auf der großen Leinwand zu sehen. Zu sehen, wie sich die nebulöse Vorstellung im Kopf in ein reales Bild verwandelt und damit ein Stück greifbarer wird. Klar ist, dass kein Film es je recht machen kann. Und doch entspinnen sich gerade auch unter Buchfans immer wieder hitzige Diskussionen, wie diese oder jene Verfilmung zu bewerten ist, ob sie dem Buch treu bleibt oder direkt in die Tonne wandern kann. Kann man da jemals einen Konsens erreichen? Gibt es einen „richtigen“ Umgang mit Buchverfilmungen? Ich denke, man muss das Ganze etwas ausführlicher und differenzierter betrachten. Für diesen Beitrag habe ich Freunde und Bekannte befragt, deren Antworten hier mit einfließen.

Zwei Modelle

Allgemein gibt es zwei Methoden, sich an die Bewertung von Verfilmungen heranzuwagen: Entweder man liest zuerst das Buch und schaut danach den Film. Oder man schaut erst den Film und liest danach das Buch.

Schauen wir uns zunächst den Fall Film – Buch an. Verbreiteter ist er wahrscheinlich deshalb, weil jeder von uns unbewusst sicher schon zig Buchverfilmungen gesehen hat. Wenn ich an mich selbst denke, so komme ich mit dem Zählen nicht mehr hinterher. Gerade bei Verfilmungen älterer Bücher, die nicht gerade im Standard-Kanon vertreten sind, kommt so etwas gehäuft vor. Ich schweife allerdings ab. Widmen wir uns wieder unserer Methode zuerst Film, dann Buch.

Lesen wir ein Buch, nachdem wir den dazugehörigen Film gesehen haben, lesen wir das Gedruckte natürlich mit den Eindrücken über diesen Film. Das beeinflusst durchaus die Bewertung desselben. Vor allem, wenn wir den Film eigentlich mochten und dann feststellen, dass das Buch vielleicht doch ganz anders ist. Dass es eine andere Erzählweise etc. hat. Jedoch können so auch die Erwartungen weniger enttäuscht werden. Denn man „startet nicht mit Erwartungen, die auf dem (ausführlichen) Buch basieren in den Film, sondern mit Erwartungen, die auf dem Film basieren in das Buch“. Das macht schon einen Unterschied und erspart einem oftmals die Enttäuschung, dass es die Lieblingsszene nicht in den Film geschafft hat.

Allerdings nimmt es einem auch die Möglichkeit, „sich alles unvoreingenommen selbst vorzustellen“. Dialoge liest man unter dem Eindruck der Synchronstimmen, Beschreibungen des Aussehens einer Figur verwirren, da sich das Gesicht des Schauspielers dazwischenschiebt. Zusätzlich hemmt diese Methode auch in gewisser Hinsicht den Lesegenuss, da man die Handlung zusammengefasst aus dem Film kennt. Kniffe und Wendungen überraschen nicht mehr, die Spannung bleibt aus, weil wir sowieso schon wissen, dass der Held überlebt. Auch wenn natürlich die Chance besteht, dass der Film immer noch etwas an der Handlung ändert.

Das andere Modell – erst Buch, dann Film – bringt demgegenüber natürlich den Vorteil eines unverfälschten Genusses, da die Handlung nicht zusammengefasst im Kopf steckt, während man liest. Allerdings kann auch hier die Spannung des Films verloren gehen, auch wenn oft auch die Spannung darin besteht, zu sehen, wie manches umgesetzt wurde. Und die Freude danach groß ist, wenn dem Film ein toller visueller Kniff gelingt.

Generell ist allerdings zu sagen, dass die Erwartungen an einen Film bei dieser Methode meist zu hoch sind. Änderungen und Verknappungen fallen meist negativ auf und bleiben dann auch so haften. So gilt es immer noch als allgemein anerkannte Wahrheit, dass das Buch eh immer besser ist als der zugehörige Film.

Die Liebe zum Detail

Vielleicht sollte erst einmal geklärt werden, was denn eine Buchverfilmung alles enthalten soll. In einem sind sich meine Befragten einig: Die Kerngeschichte, also die Haupthandlung, das zentrale Thema, die zentralen Charaktere, ihr Verhalten und ihre Beziehungen sollten enthalten sein. Für die Geschichte wichtige Punkte und Wendungen müssen wir im Film sehen können, schließlich ist es das, was die Geschichte ausmacht, oder? Das ist auch das, was Menschen anzieht, die das Buch nicht gelesen haben. Ein Plus bedeutet es, wenn der Film darüber hinaus die besondere Erzählweise oder andere Besonderheiten des Buches einfangen und dem Zuschauer näherbringen kann.

Also stellen wir mal fest: Im Prinzip geht es doch eigentlich zunächst mal um die Kernhandlung, um Zentrales und allgemeine Punkte. Warum aber erleben wir dann oftmals so eine herbe Enttäuschung? Stecken wir vielleicht doch zu viel Liebe ins Detail? Wollen wir die kleinen Dinge nicht loslassen?

Ich sehe dort einen Widerspruch: Wir wollen primär die zentrale Handlung, aber es stört uns trotzdem, wenn die Figur statt rote blonde Haare hat. Auch wenn das für die Handlung an sich keine Bedeutung hat. Sie würde sich unabhängig der Haare genauso abspielen, weil diese Haare eben nichts mit der Haupthandlung zu tun haben. Mein Lieblingsbeispiel bei diesem Aspekt ist immer die Augenfarbe in Harry Potter. Was habe ich nicht für Diskussionen mitbekommen, weil Harry im Film keine grünen Augen hat. Dabei ist das nicht von Belang. Wichtig ist die Eigenschaft, dass es die Augenfarbe seiner Mutter ist. Die Farbe an sich ist dabei irrelevant für die Handlung. Solange sich diese zwei Augenpaare gleichen (ich weiß, das wurde beim Film auch ab und an vernachlässigt), ist es doch egal, ob die Augen grün, blau, braun etc. sind.

Wir sehen, das Detail ist also durchaus ein wichtiger Punkt. Immer wieder stoßen solche Änderungen den Zuschauern und Buchliebhabern sauer auf. Was mich zu einer weiteren Frage bringt.

Veränderungen ja oder nein und wie sehr?

Es fängt schon beim Äußeren an: So kann es schon stören, „wenn es wirklich nur einen Widerspruch zwischen (der) persönlichen Vorstellung und der Realisierung im Film gibt“. Grundsätzlich ist das allerdings auch nicht vermeidbar, da die eigene Vorstellung immer von der filmischen Umsetzung abweicht. Doch muss es nicht zwingend etwas Negatives bedeuten. Abweichungen im Aussehen können auch viel zu unserer Wahrnehmung über die Gesellschaft beitragen. Der Einfluss, den das Medium Film hat, kann dadurch genutzt werden, um mehr Diversität zu zeigen, wenn es Sinn ergibt. So können wir der Welt zeigen, wie viel Vielfalt in ihr steckt und dass jeder die Chance hat, alles zu sein. Zudem ist es auch spannend zu sehen, wie die Orte filmisch realisiert werden.

Anders sieht es bei Veränderungen in der Handlungsstruktur aus. Dass es nicht alle Szenen in den Film schaffen, ist jedem klar und soweit in Ordnung. Wie soll man auch einen tausend Seiten langen Schinken in zwei Stunden Film pressen? Allerdings, und da sind sich die Befragten einig, sind Veränderungen dann besonders nicht mehr tragbar, wenn die Handlung dann nicht mehr der Buchvorlage entspricht, der Film also außer dem Titel nichts mehr mit der schriftlichen Vorlage gemeinsam hat. Und ein absolutes No-Go ist es, wenn bei einer Reihe die Handlungen der einzelnen Teile vermischt werden.

Allerdings können Handlungsänderungen auch positiv sein. Vor allem, wenn es „kreative, unerwartete Handlungsstränge sind, die das Ganze spannender oder sinnhafter machen“. Und spannend ist es, wenn es sich ergänzt, der Zuschauer einen anderen Blickwinkel auf die Story erhält. Änderungen in der Handlung sollten also einen Nutzen haben. Dies gilt im Übrigen auch für Figuren. Viele sehen eine Änderung grundsätzlich schwierig und empfinden es als störend, wenn der Charakter einer Figur stark verändert wird. Bringt eine Änderung allerdings einen Mehrwert und Tiefgang, ist dies durchaus als spannend anzusehen.

Der Unterschied des Mediums

Ist dieser mit in die Bewertung einzubeziehen? Ja, auf jeden Fall! Es geht im Film schließlich „darum, etwas zu sehen, etwas muss passieren.“ Lange Dialoge sind da also eher kontraproduktiv. „Im Film kann man Dinge eben nicht durch Worte erklären, alles muss bildlich dargestellt werden.“ Zudem muss auch bedacht werden, dass nicht alles filmisch umsetzbar ist. Die Welt aus dem Buch spielt sich im Kopf ab. Bei einem Film müssen immer die Umsetzbarkeit und auch die Kosten dafür beachtet werden. Was kann getragen werden, was nicht? Schon wieder merke ich einen kleinen Widerspruch. Sollten wir bei dieser Eindeutigkeit nicht generell einfach unsere Erwartungshaltung etwas herunterschrauben? Mit dem Wissen, dass es einen Unterschied zwischen filmischer und textueller Umsetzung gibt, einen Film sehen?

Kann man Buch und Film überhaupt vergleichen?

Geht das überhaupt, wenn es so viele Aspekte zu beachten gibt? Natürlich können sich beide Versionen gut ergänzen. Es ist vor allem auch spannend zu vergleichen, wie sich die Umsetzung verändert. Wie Gewichtungen variieren und welches Ergebnis dann dabei herauskommt. Allerdings ist ein Vergleich auch schwierig, „weil Filme so viel kürzer sind.“ Da ist es mit Serien sicher anders, wobei hier wieder andere Maßstäbe gesetzt werden müssen, denke ich. So kann sich die Handlung zwar über eine längere Zeit entwickeln, doch gibt es für Episoden wieder andere Aspekte hinsichtlich Aufbau und Struktur zu beachten. Aber zurück zum Film: Man muss auch bedenken, dass es zwei verschiedene Medien sind, dass es damit auch eigenständige Werke sind. Es sind zwei (oder mehr) verschiedene Kunstwerke, die sich dieselbe Grundidee teilen. Ist da ein Vergleich überhaupt angebracht? Ist überhaupt auch dieser ständige Vergleich nicht das Problem? Dass man das Ziel hat, genau das Buch im Film wiederzufinden, also zweimal das gleiche Produkt sozusagen? Dass deshalb Erwartungen enttäuscht werden? Sollten wir statt zu vergleichen, nicht einfach versuchen, zu genießen?

Und nun?

Die Frage stellt sich, ob überhaupt mehr Bücher verfilmt werden sollten. Nun ja, wenn nicht, kommt schon mal kein schlechter Film dabei heraus, so die Aussage aus der Befragung. Allerdings, warum nicht? Natürlich muss Arbeit, Respekt und Wertschätzung in die Geschichte gesteckt werden. Die Geschichte an sich sollte auf die Leinwand gebracht werden, damit sie auch das nicht-lesende Publikum verzaubert. Und soll man lieber erst das Buch lesen und dann den Film schauen oder andersherum? Letztendlich ist das eine subjektive Sache. Ich bevorzuge immer die goldene Mitte. Ich denke bei der Menge an Literaturverfilmungen, die jeder schon unbewusst gesehen hat, befinden sich die meisten auch auf diesem Mittelweg.

Letztendlich ist ein Film nichts anderes als eine Interpretation eines Buches. Es ist eine andere Betrachtungsweise (ich gehe vom Idealfall aus, der nichts mit Marketinggründen und Geldabgreifen zu tun hat), die für den lesenden Zuschauer auch einen Mehrwert bedeuten kann. Ich denke, dass es oftmals nicht schlecht wäre, die Erwartungen runterzuschrauben, eine neutralere Sicht einzunehmen und den vergleichenden Kritiker im Kopf auszuschalten.

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