Das Teilzeit-Projekt

Manchmal macht man sich ja einen Plan. Man erfasst ein großes Ziel, legt Meilensteine und versucht, das, was man sich im Kopf überlegt hat, umzusetzen. Wie man das dann macht, das ist in der Planungsphase noch ein großes Rätsel. Natürlich nimmt man sich Dinge vor, aber 1. kommt es anders und 2. als man denkt.

Als vor gut einem bis anderthalb Jahren die Idee meiner Selbstständigkeit geboren wurde, hatte ich nicht gedacht, dass ich meine ursprüngliche Planung in einem Experiment testen würde. Mein Ziel ist es seit diesem letzten Jahr, als Schriftstellerin und Lektorin beruflich tätig zu sein. Mitunter aus privaten Gründen hatte ich mich schließlich dafür entschieden, quer einzusteigen und mich direkt selbstständig zu machen. Das mag verrückt klingen. Allerdings hatte ich eigentlich nichts zu verlieren. Auch jetzt zum Glück nicht. Die Devise hieß: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Ich informierte mich also viel, plante und plante und schließlich war es dann soweit. Ich startete in die Selbstständigkeit. Ich wusste, dass ich die ursprüngliche Planung nicht direkt umsetzen konnte. Es war noch so viel zu organisieren und zu planen, Behördengänge mussten erledigt werden etc. Doch vor meinem inneren Auge setzte sich meine Wunschvorstellung fest, wie es einmal in einer mehr oder weniger fernen Zukunft aussehen könnte. Wie mein Arbeitstag aussehen würde, würde meine Idee funktionieren. Dann würde ich früh aufstehen, Teilzeit als Lektorin und Teilzeit als Schriftstellerin arbeiten, jeweils etwa 3-4 Stunden, und danach den restlichen Nachmittag bzw. Abend genießen.

Dieses Bild, diese Träumerei, blieb erst mal genau das. Bis jetzt zumindest. Seit Beginn meiner Selbstständigkeit kam ich nicht wirklich dazu, die Umsetzung meiner Idee zu testen. Entweder war kein Lektoratsauftrag da oder ich hatte zu viel anderes zu organisieren oder kam in meiner Geschichte nicht weiter. Bis zum Start meines TexTperiments hatte ich nämlich weniger konsistent an meinem Roman geschrieben. Ich versuchte eine Routine aufzubauen und etwa 1 Stunde täglich zu schreiben, oder 500 Wörter, wie das ursprüngliche Ziel besagte.

Und dann kam mir die Idee zu meinem Schreibexperiment. Bis dahin hatte ich immer noch nicht im Sinn, dass ich damit meine ursprüngliche Tagesplanung testen könnte. Nein, ich konzentrierte mich tatsächlich aufs Schreiben. Absolvierte die erste Challenge und saß dann vor meiner Liste, um mir die zweite Aufgabe auszusuchen. Und dann erst machte es Klick. Was wäre nun also passender, als statt eines Wortziels ein Zeitziel zu nehmen? Ich hatte gerade einen Auftrag für ein Lektorat rein bekommen und konnte meinen Plan also ultimativ testen. Die Aufgabe würde maximal 2 Wochen gehen. Genug Zeit also, um Erkenntnisse zu gewinnen. Also ja, los ging es!

Der Anfang: Tag 1-3

Das Experiment startete sehr zufriedenstellend. Zwar war das Prokrastinationslevel am ersten Tag zunächst hoch. Doch ich konnte mich irgendwann aufraffen und konzentriert arbeiten. Da dem Lektoratsauftrag eine klare Deadline gesetzt war, setzte ich meine Priorität zunächst darauf und lektorierte die ersten 4 Stunden bis zum Mittag eine Anthologie von Gruselgeschichten. Erst nach der Mittagspause setzte ich mich an mein Manuskript von “Was bleibt”. Es war zunächst nicht so leicht, mich wieder in die Geschichte einzufinden. Doch nachdem ich die letzten Absätze gelesen hatte, war ich wieder gut drin und konnte 3 Stunden konzentriert das nächste Kapitel plotten und recherchieren. Gegen Ende dieses ersten Tages stellte ich mir allerdings eine Frage. Ursprünglich hatte ich es immer so gedacht, dass ich morgens lektoriere und mittags schreibe. An diesem Tag hat es, obwohl ich nicht tatsächlich geschrieben habe, ganz gut geklappt. Allerdings bin ich ja auch ein Morgenmensch. Ich fragte mich, ob diese Konstellation – erst Lektorat, dann Manuskript – immer so gut klappen würde und ob es für mein Schreiben nicht sogar besser wäre, diesen ursprünglichen Plan umzustellen. Wie passend, dass ich gerade diese Challenge machte. Wie könnte ich das besser ausprobieren? Ich beschloss also, zu variieren und jeden Tag wieder abzuwechseln.

Tag 2 war dann sogar sehr entspannt und zusätzlich noch unheimlich produktiv. Die morgendlichen Stunden konnte ich sehr gut fürs Schreiben nutzen. Ich war 3 Stunden lang fast durchgehend im Flow und schrieb 2 Szenen, recherchierte noch ausgiebig und plottete für das nächste Kapitel. Das Lektorat nach der Mittagspause fiel mir dann auch nicht wirklich schwer. Ich denke, das ist etwas, was man “zu jeder Zeit” machen kann, das Überarbeiten. Denn alles, was da zu überarbeiten ist, steht ja schon da. Die Story ist ja schon umgesetzt und muss nur noch überprüft und überarbeitet werden. Das erfordert zwar auch kognitiv-kreative Anstrengung, ist aber für mein Empfinden leichter zu bewerkstelligen als das wirkliche “Erschaffen” oder “Schöpfen” der Geschichte. Von dieser Erkenntnis beflügelt, ahnte ich an diesem Tag schon, zu welchem Ergebnis meine Variation tendierte.

Tag 3 war schon nicht mehr ganz so gut. Beim Lektorat am Morgen schaffte ich ein großes Stück und war konzentriert bei der Arbeit. Das Schreiben danach war allerdings für meine Verhältnisse katastrophal. Ich lasse mich von anderen wirklich leicht ablenken, das fiel mir mal wieder auf. Ich unterbrach mein Schreiben immer wieder für Gespräche etc. Mein Mittagstief kam dazu und ich musste erst mal einen kleinen Powernap einlegen, weil nichts mehr ging. Selbst nach dieser Erholungspause brachte ich keine zwei Sätze mehr ins Manuskript. Ich entschied mich, es dabei zu belassen und machte Feierabend.

Die Mitte: Tag 4-6

Tatsächlich lief es an Tag 4 wieder besser. Es war Freitag, der Tag also, an dem ich viele To Dos auf meiner Liste hatte. Ich teilte mir die Stunden auf. So schrieb ich morgens 1 Stunde und mittags, nachdem ich das meiste erledigt hatte, nochmal 2. Hier merkte ich den Unterschied zwischen meinem “Morgengehirn” und meinem “Mittagsgehirn”. In den frühen Morgenstunden bin ich einfach am produktivsten und aufnahmefähigsten. Die Szene, die ich angefangen hatte zu schreiben, ging runter wie Öl, wenn man das so sagen kann. Ich kam wieder in einen Flowzustand und hätte am liebsten weitergeschrieben. Leider lassen sich nicht alle Erledigungen aufschieben. Mittags fiel es mir schon deutlich schwerer. Es war mühsamer, auch wenn ich ebenso gern weitergeschrieben hätte. Doch die Disziplin in mir wollte den Rahmen der Challenge unbedingt einhalten, weshalb ich aufhörte, als die Zeit um war. An diesem Tag fokussierte ich mich nur aufs Schreiben. Das Lektorat hätte ich mit den anderen Erledigungen nicht gepackt.

Bis dahin lief alles gut. Ich dachte, ich würde ganz easy peasy durch diese Challenge kommen und wenn es gut lief, noch ein paar gute Erkenntnisse mitnehmen. Erkenntnisse gewonnen hab ich, ja. Aber nicht nur gute. Tag 5 markiert den Beginn meines kleinen persönlichen Downfalls. Da ich Freitag nicht lektoriert hatte, setzte ich das auf meiner Prioritätenliste auf die Nummer 1. Ganz nach Plan wollte ich mittags eigentlich schreiben. Ja, eigentlich… Ich schaffte es auf ganze 1,5 Stunden Recherche, dann machte ich den Laptop aus. Ich war einfach zu geschafft. Nicht unbedingt müde, aber einfach emotional ausgelaugt. Im Nachhinein und zu diesem Zeitpunkt 2, 3 Tage später war mir auch klar, warum. Ich hatte am Wochenende keine Zeit gehabt, Energie zu tanken. Die ganze letzte Woche bestand aus Arbeit und Socializing, was an sich schön ist. Ich genieße es, mit Menschen zusammen zu sein und zu reden. Wer aber wie ich ein Mensch ist, der im Alleinsein Energie tankt, versteht, wie ich mich an diesem Tag fühlte. Es ging nichts mehr. Ich beschloss mittags aufzuhören und eine Serie zu schauen. Für den Moment war das die richtige Entscheidung.

Der nächste Tag war gefühlt noch beschissener als Tag 5, obwohl ich die Challenge an diesem Tag sogar schaffte. Meine Energiebatterie war weiterhin leer und mein Selbstwert im Keller. Unzufrieden und extrem selbstkritisch konnte ich mich morgens nicht aufraffen, irgendwas zu tun. Ich blieb im Bett, bis ich für Erledigungen aufstehen musste. Erst als ich wieder zu Hause war, konnte ich mich an den Schreibtisch setzen. Wenn man das Schreiben des Blogartikels mitzählt, kam ich sogar sehr gut voran und schaffte die Challenge erstaunlicherweise. Mein Inneres schwankte zwischen Stolz, es doch noch angepackt zu haben, dem daraus resultierenden Glücksgefühl und der weiter andauernden Müdigkeit, Selbstkritik, Unzufriedenheit.

Das Ende: Tag 7-9

Das Ende dieser Challenge würde ich mit dem Wort “Arbeit” beschreiben. Verbunden mit meiner Energielosigkeit und meinem Perfektionismus, diese Challenge unbedingt beenden zu wollen, merkte ich zum ersten Mal, dass Schreiben tatsächlich auch Arbeit ist und die Leidenschaft darunter sogar leiden kann.

An Tag 7 begann ich mit der Arbeit am Manuskript, bevor ich mittags zum Lektorat wechselte. Tatsächlich bekam ich die nächste Szene sogar fertig, war aber nicht zufrieden. Ich musste mich richtig durch die Szene kämpfen. Klar, das ist manchmal so. Ich weiß das und es ist immerhin etwas. Etwas, das man überarbeiten kann. Aber was mir an diesem Tag besonders auffiel, war, dass es mich wirklich anstrengte und zum Teil sogar nervte, mich mit dem Thema Lesen und Schreiben zu beschäftigen. Normalerweise schaue ich gern Videos übers Schreiben. Ich konnte es nicht. Selbst lesen ging nicht, weil mir das alles einfach zu viel war. Ich musste mich einfach mit anderen Dingen beschäftigen, auch wenn es mich gleichzeitig störte, dass ich in meiner Challenge nicht so gut vorankam.

Tag 8 gab mir dagegen wieder richtig viel Energie zurück. Ich war viel allein und schaffte es, einige To Dos zu erledigen. Weil die Deadline näher rückte, priorisierte ich das Lektorat und schob das Schreiben auf den Mittag. Wobei schreiben übertrieben ist. Ich recherchierte primär, was aber wahnsinnig guttat. Ich spürte sogar einen richtigen Kreativboost in mir aufsteigen, je weiter ich mit meiner Recherche kam. Freizeittechnisch habe ich mich weiter vom Thema Lesen und Schreiben ferngehalten. Das musste einfach sein.

An Tag 9 schaffte ich meine Challenge wie zu erwarten war nicht. Es war Freitag, Haushalt und Einkauf mussten erledigt werden. Zusätzlich gab es noch Dinge in meinem Brotjob zu klären und zu organisieren, die Deadline für das Lektorat und für ein Testlese-Projekt endeten. Viel zu tun also. Und in Anbetracht dessen habe ich da auch kein schlechtes Gewissen. Ich habe dafür vieles anderes hinbekommen und schickte meine innere Kritikerin zurück in ihre Höhle.

Ergebnisse

An sich ist auch meine zweite Challenge erfolgreich gewesen. Ich habe sie an 6 von 9 Tagen geschafft, also zu etwa 75 %. Ich steigere mich! Spaß beiseite. Ich kann wahnsinnig stolz auf mich sein, trotz dieser beschissenen zweiten Woche so viel geschafft zu haben.

Insgesamt waren es 21,5 Stunden, die ich an meinem Manuskript gearbeitet habe. Daraus entstanden: 4 Szenen, Dutzende Plot- und Planungsnotizen, eine angefangene dritte Seite Überarbeitungsnotizen, ganz viele Ideen.

Was nehme ich aus diesem Experiment mit?

1) Lektorat und Schreiben jeweils in Teilzeit kann funktionieren. Am besten ist es, morgens direkt zu schreiben, wenn mein Gehirn voll funktionsfähig ist für neue kreative Ideen. Der Mittag eignet sich gut zum Überarbeiten schon vorhandener Geschichten wie bei einem Lektorat. Genauso werde ich es mit dem Überarbeiten meiner Romane halten. Morgens schreiben, mittags überarbeiten.

2) Schreiben ist, auch wenn es eine Leidenschaft ist, immer Arbeit. Wenn es den größten Teil des Tages ausmacht, ist es essenziell, andere Hobbys und Freizeitaktivitäten zu haben, die mich davon runterbringen. Ich brauche Zeiten, in denen ich nur etwas für mich selbst tue. Meine Energie tanke ich im Alleinsein und das muss ich unbedingt beachten, wenn ich nicht nochmal so ins Loch fallen will.

3) Dazu kommt, dass Lektorat und Schreiben beides kognitiv fordernde Jobs sind. Diese Anstrengung macht sich über kurz oder lang bemerkbar. Ich muss mir erlauben, Pausen zu machen. Schon damit die Qualität meiner Arbeit nicht leidet. Aber auch für mich selbst. Eine gute Work-Life-Balance ist essenziell, um nicht irgendwann im Burn-Out zu landen. Wochenenden werde ich mir weiter ganz streng freinehmen (außer Deadlines sind anders wirklich nicht einzuhalten).

Diese Challenge hat mir besonders gezeigt, wie wichtig Selfcare ist. Pausen sind wichtig, sich selbst etwas Gutes tun ist wichtig, sich selbst wertschätzen und nicht zu sehr unter Druck zu setzen ist wichtig. Wir vergessen im täglichen Vergleich mit anderen oder sogar mit uns selbst, dass wir nur eine begrenzte Kapazität haben, dass wir unseren Wert an anderen Dingen messen sollten als an unserer Produktivität. Auch wenn es nur etwas Kleines ist, was du am Tag tust, du tust wenigstens etwas. Du musst nicht jeden Tag bis an deine Grenzen und darüber hinaus gehen. Es ist okay und sogar gut, mal eine Auszeit zu nehmen, mal vom Gas zu gehen und etwas langsamer zu fahren. Das sollten wir nicht vergessen.

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.